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Kleine, ansprechende Puppen platziert vor einer von Natur geprägten Kulisse. Ein schöner Ausflug mit der Familie ins Freie. Bei flüchtigem Hinsehen können die in Szene gesetzten Puppen von Siyoung Kim wie ein idyllisches Bild wirken. Doch die genauere Betrachtung offenbart ein grausames Szenario. Am Boden liegt eine stark blutende Puppe im Sterben. Die Eingeweide treten aus ihrer offenen Wunde zutage. Das aus dem Korpus fließende Blut aus Kunststoff sieht verblüffend realistisch aus. Die Tatwaffe liegt in unmittelbarer Nähe. Sofort wird klar, dass Grausames geschehen ist, doch die Fragen nach dem Tatvorgang und den Motiven bleiben ungeklärt. Hier ist die menschliche Vorstellungskraft gefragt und die dargestellten Puppen avancieren zur Projektionsfläche der Betrachtenden. Die Geschichte der Menschheit ist von fortdauernder Gewalt geprägt: Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung waren und sind immer noch tägliche Realität. Die Puppen Kims verdeutlichen in einfacher Bildsprache und gerade durch diese, die vom Menschen ausgehende Brutalität. Auf die in Szene gesetzten Puppen folgen unterschiedliche Reaktionen, die von Ignoranz bis hin zu Erschrecken und auch Mitgefühl variieren. 

Die Künstlerin lotet gezielt den Spielraum zwischen ihren Objekten und den Betrachtenden aus, was zu produktiven Irritationen führt. Die in ihren Arbeiten dargestellten Gewaltszenen spiegeln menschliches Verhalten in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft wider und konfrontieren den Betrachtenden somit mit gegebenen Realitäten.

Die Puppen von Siyoung Kim bestehen aus Schaumstoff, der mit einer dünnen Stoffschicht überzogen ist, als Füllmittel dient Watte. Weiche Materialien, die assoziativ eher mit Wohlempfinden, Schutz und Leichtigkeit in Verbindung gebracht werden, stehen konträr zu den dargestellten gewaltsamen Szenen. Die harmlose, süße Gestalt der Puppe, die durch ihre materielle Beschaffenheit ganz und gar ungefährlich ist, avanciert durch ihr dargestelltes Verhalten zu einem brutalen Wesen. Auch die aus der Wunde austretenden Watte, die hier als Eingeweide fungieren zeigt sich als harmloses Material, das aber im Fall dieser Puppen, das Innere ausmacht.

Zusätzlich tragen die Puppen keinerlei Kleidung, sie sind komplett nackt. Im Alltag wird der Mensch laufend von Körpern umgeben, die dem derzeitigen Schönheitsideal entsprechen. Werbung, Internet und Medien suggerieren das Bild vom perfekten Körper ohne Makel, obwohl dieses häufig nicht deckungsgleich mit der Realität ist. Die Puppen Kims entsprechen nicht diesen idealisierten Vorstellungen des menschlichen Körpers. Ihre Puppen haben teilweise Fettpolster, Falten, hängende Körperteile und graue Haare. Ohne Kleidung entfällt die Möglichkeit des Kaschierens und Versteckens. Dem/der Betrachter*in wird freie Sicht auf den unverhüllten Körper gewährt: Die nackte Wahrheit. Gleichzeitig referiert der vor Blicken ungeschützte Körper auf das dargestellte Szenario des ebenso schutzlosen Opfers. 

Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Mensch. Gesellschaftliches Zusammenleben bzw. die Unfähigkeit zum empathischen Miteinander und das Leben als politisches Individuum in dieser Welt beschäftigen die Künstlerin seit langem. Ihre gewaltsam inszenierten Szenerien üben anhand von vermeintlich harmlosen kleinen Puppen Kritik an gesellschaftlichen Missständen.